Warum wir am Frauentag über das Fahrrad sprechen müssen

By | 8. März 2017

„The bicycle has done more to emancipate women than any one thing in the world.”
(Susan B. Anthony, Pionierin der US-amerikanischen Frauenrechtsbewegung, 1896)

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten bürgerliche Frauen in Westeuropa das Radfahren für sich. Sie stellten damit auch die damaligen Verhältnisse infrage, die es Frauen nicht erlaubten in der Öffentlichkeit ihre Interessen zu vertreten. Nur wenig später wurde zum ersten Mal der Internationale Frauentag gefeiert, der bis heute am 8. März stattfindet und ein wichtiger Tag für den Kampf der Frauen um gleiche Rechte ist. Nach wie vor haben Fahrräder emanzipatorisches Potenzial: Das wollen wir am diesjährigen Internationalen Frauentag würdigen.

Am Ende des 19. Jahrhunderts wurden Frauen in Westeuropa kaum als selbstständig anerkannt. Sie hatten keine gleichberechtigte Position in der Gesellschaft und waren häufig von einem Mann oder ihrer Familie abhängig. Grund dafür war die Auffassung, dass Männer und Frauen bestimmte Rollen entsprechend ihres Geschlechts übernehmen müssten. Dass Frauen sich aktiv in Wirtschaft und Politik einmischten, war nicht vorgesehen und wurde von vielen Männern abgelehnt. Männer waren in der Öffentlichkeit aktiv und Frauen auf den privaten Bereich der Familie und des Haushalts beschränkt, der aber auch dem Mann offen stand. Dieses Rollenbild prägte die “Kernfamilie” bis weit ins 20. Jahrhundert hinein und tut es vielerorts auch heute noch.

Das „Sicherheits-Fahrrad“ brachte den Durchbruch

Das Radfahren wurde um die Wende zum 20. Jahrhundert immer beliebter. 1884 kam das Sicherheitsniederrad auf den Markt – das „normale“ Fahrrad, wie wir es heute kennen, im Gegensatz zum davor üblichen Hochrad – und mit ihm der Beginn des modernen Radverkehrs.

Die Berlinerin Amalie Rother begann um 1890 mit dem Fahrradfahren, zunächst allerdings mit einem Dreirad. Welchen Anfeindungen sie dabei ausgesetzt war, schilderte sie wie folgt: “Sofort sammelten sich hunderte von Menschen, […] Bemerkungen liebenswürdigster Art fielen in Haufen, kurz, die Sache war das reinste Spießroutenlaufen, so dass man sich immer wieder fragt, ob das Radfahren denn wirklich alle die Scheußlichkeiten aufwöge, denen man ausgesetzt war.” Um den Anfeindungen zu entgehen und auch, weil Frauen in den Radsportvereinen nicht als gleichberechtigte Sportskameradinnen anerkannt wurden, gründete Rother den ersten Berliner Damenradklub. Sie erreichte sogar dessen Aufnahme in den Deutschen Radsport-Bund. „Wir waren jetzt nicht mehr ‚Damen als Gäste‘, sondern gleichberechtigte Kameraden. Wir hatten der Frau die Gleichberechtigung im Radfahrsport erkämpft.“

Radfahrende Frauen stellten die männlich geprägte Gesellschaftsordnung des ausgehenden 19. Jahrhunderts vor gravierende Herausforderungen. Denn sie hinterfragten damit auch die bislang vorherrschende Kleiderordnung. Der als züchtig angesehene knöchellange Rock eignete sich nicht zum Fahrradfahren. Mit hohem Aufwand wurden Modelle für das Radfahren entworfen – das Tragen von Hosen durch Frauen lehnten viele in der Gesellschaft ab. Auch die Entwicklung von Fahrrad-Bauformen ohne Oberrohr, welche mit Rock gut gefahren werden konnten, wurde dadurch vorangetrieben. Viele Pionierinnen lehnten diese Bauform jedoch ab, da sie zusätzliches Gewicht und weniger Stabilität mit sich brachte. Amalie Rother brachte die herrschende Unruhe in der Gesellschaft mit den Worten auf den Punkt: „Es [das Tragen von Hosen] ist nicht Sitte! Richtig! Aber warum sollte es nicht Sitte werden?“.

Um Frauen das Fahren zu verleiden und die vorherrschende Meinung zu stärken, radfahrende Frauen nicht zu akzeptieren, wurden sogar pseudowissenschaftliche Arbeiten verfasst. Darin wurden angebliche negative Auswirkungen des Radfahrens auf die Gebärfähigkeit aufgezeigt und gleichzeitig behauptet, dass Frauen den Fahrradsattel zur sexuellen Stimulation nutzten. Beide Argumente sprechen den Frauen nicht nur das Recht auf Öffentlichkeit ab, sondern auch das Recht auf eine eigenständige Sexualität. Die Debatte selbst war lebhaft mit dem Nebeneffekt, dass hier die weibliche Sexualität zum ersten Mal in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert und vorherrschende Bilder infrage gestellt wurden.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass das Fahrrad eines der Vehikel der gesellschaftlichen Emanzipation der Frau um die Wende zum 20. Jahrhundert wurde und auch heute noch eine wichtige Rolle einnimmt. Es stellte die Trennung von privat und öffentlich, die vorherrschende Kleiderordnung und auch das vorherrschende Männlichkeitsbild infrage: Das Beherrschen des Fahrrads, insbesondere seiner Vorform des Hochrades, wurde als heroischen Meisterung einer gefährlichen Maschine angesehen. Dass jetzt auch Frauen dazu fähig sein sollten, zweifelte dieses Ideal an. Und schließlich war die Gründung von Damenradklubs ein Beitrag zur Selbstorganisation und der Schaffung geschützter Räume. Das Fahrrad justierte gesellschaftliche Verhältnisse neu. Rasch wurde es zum Verkehrsmittel der Wahl für Frauen.

Noch heute dürfen Frauen in manchen Ländern nicht Rad fahren

Die Suffragette-Bewegung, die für das Wahlrecht der Frauen kämpfte, nutzte das Fahrrad als Zeichen ihrer emanzipatorischen Bemühungen. Eine solche Bedeutung des Fahrrades liegt nicht nur in der Vergangenheit, sondern das Gleiche kann auch in heutigen Gesellschaften noch beobachtet werden. So ist Frauen in Saudi-Arabien oder dem Iran das Radfahren in der Öffentlichkeit gesetzlich verboten. In anderen Staaten ist es zwar erlaubt, jedoch wie in Europa vor 120 Jahren gesellschaftlich verpönt. Radfahrende Frauen riskieren dort noch heute Strafen oder Anfeindungen. Dennoch tun es einige und beginnen auf diese Weise, öffentlich eine selbstbestimmte Mobilität zu entwickeln und Normen aufzubrechen.

Dass auch in Westeuropa allein das Fahrrad für die Emanzipation nicht ausreichend war, zeigt sich in den Siedlungsstrukturen der Nachkriegszeit. Diese waren mit ihren großen Wohnanlagen und Eigenheimsiedlungen außerhalb der Städte komplett auf das Automobil ausgerichtet. Zusammen mit dem vorherrschenden Modell der Ein-Ernährer-Familie beschränkten diese eine selbstbestimmte Mobilität von Frauen auf die eigene Siedlung und zementierten somit städtebaulich die eigentlich überkommenen Rollenbilder. Bereits durch die feministische Stadtforschung der 1970er Jahre kritisiert, war und ist Verkehrs- und Stadtplanung noch zu viel und bis heute eine Männerdomäne.

Verkehrsplanung darf weiblicher werden. Verkehrsplanung muss mehr sein als “nur mit dem Auto schnell in die Stadt”, Verkehrsplanung muss die “freie Wahl für freie Bürger*innen” unterstützen: Mit ausreichend Platz, sicher, ohne Ängste, gleichberechtigt und in gutem Miteinander aller. Um eine gute Mobilität auf dem Rad für Alle zu erreichen, müssen verschiedene Lebenslagen und Bedürfnisse immer aus möglichst vielen Perspektiven mitgedacht werden. Wir vom Volksentscheid Fahrrad nehmen uns dieser Themen an.So gilt am heutigen Internationalen Frauentag: Lasst uns radelnd die Verhältnisse zum Tanzen bringen und Räume künftig gemeinsam erschließen.

Kommt zur Demo zum Frauentag 08.03.17

Die Frauen und Männer vom Volksentscheid Fahrrad radeln heute unter dem Motto „Mobilität ist weiblich” bei der Demo zum Internationalen Frauentag mit. Wir setzen uns für eine Infrastruktur ein, auf der sich alle sicher fühlen, und eine Mobilitätskultur, die Ansprüche aller Geschlechter berücksichtigt. Mehr Informationen zu heutigen Demo findet ihr auf der Webseite und unter Facebook. Ihr erreicht die Frauengruppe Radentscheid unter frauen@volksentscheid-fahrrad.de.